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Mehrehe im Islam

Ein Brief an diejenigen, die an eine zweite Ehe denken

Frage:
Meine Gelüste sind sehr stark. Ich bin verheiratet, aber meine Ehefrau stellt mich nicht zufrieden und akzeptiert in keiner Weise eine zweite Ehefrau. Allah sei Lob, denn ich habe noch keinen außerehelichen Beischlaf (zinâ) begangen. Ich habe aber Angst, dass es dazu kommen könnte. Was muss ich unternehmen?

Antwort:
Gegen die starken Gelüste bietet eine zweite Ehe keine Lösung. Eine zweite Ehe kann eine Lösung sein, aber diese Lösung kann erst eintreten, wenn man der ersten Ehe gerecht wird. Ihnen und Ihrer Ehefrau kann ich folgende Ratschläge mit auf den Weg geben:

  1. Sie müssen auf Dinge Acht geben, die eure Intimität in den Vordergrund stellen. Gebt Acht auf die Ernährungsweise, die Kleidung und das Aussehen. Vor allem Ihre Ehefrau sollte auf Sie immer schick und anziehend wirken. Sie soll Farben tragen, die Ihnen gefallen. Eure Unterhaltungen sollten sich mit der Wortwahl gestalten, die euch beiden gefällt.
  2. Sie haben das Recht und das Bedürfnis, durchschnittlich 115mal im Jahr den Beischlaf zu vollziehen. Eine höhere Zahl kann als extrem gelten. In diesem Fall wäre es sinnvoll, wenn Sie eine Therapie in Erwägung ziehen würden. Diese Zahl kann bei Frauen niedriger ausfallen, aber auch sie hat mit Sicherheit das Bedürfnis danach. In der Regel sehen die Frauen von diesem Bedürfnis ab oder nehmen es nicht so wahr wie die Männer.
  3. Der Beischlaf bedeutet nicht, einen kurzen Akt der Befriedigung zu haben. Ein solches Beisammensein hat nicht die Eigenschaft, befriedigend und ausgleichend zu sein. Der eigentliche Beischlaf bedeutet, dass zwei Ehepaare ein Beisammensein pflegen, welches eine gänzliche Befriedigung und sexuelle Sättigung ermöglicht. Deshalb sollte die Dauer nicht weniger als eine halbe Stunde betragen. Idealerweise sollte die Dauer eine Stunde betragen. Mittel, welche die Gelüste zum Vorschein bringen, wie Worte und Berührungen, sollten stets mit einfließen. Ein solches Zusammenkommen kann als Beischlaf bezeichnet werden. Ehepartner, die dies gewährleisten, sind jene Ehepartner, die im Qur’ân als eine gegenseitige Quelle der Zufriedenheit bezeichnet werden. Für ein solches Zusammenkommen müssen beide Seiten Vorkehrungen treffen. Beispielsweise muss auf die Mundhygiene geachtet werden und der Gebrauch von Parfüm muss stattfinden, ohne dabei zu übertreiben. Es muss sogar darauf geachtet werden, eine passende Beleuchtung im Schlafzimmer anzubringen.
  4. Wird die Ehe nicht als eine gottesdienstliche Bemühung (dschihâd) und der Beischlaf als ein Gottesdienst (‘ibâda) auf der Stufe einer Spende (sadaqa) gesehen, kann nicht die Rede von einem islamischen Eheleben sein. Beachten sie auch dies.
  5. Es ist so gut wie unmöglich, dass Sie mit Ihrer Frau keine Meinungsverschiedenheiten austragen werden. Es ist Ihre Aufgabe, die Meinungsverschiedenheiten zu beenden und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Achten Sie darauf, ob eine gestörte Harmonie und Einigkeit Grund dafür sind, dass der Beischlaf beeinträchtigt wird. Helfen Sie nicht dem Satan (schaytân). Versuchen Sie Ihre Probleme, durch Beratung (istischâra) und Kommunikation zu lösen.
  6. Solange ein Facharzt kein ärztliches Gutachten über die beeinträchtigte Sexualität Ihrer Ehefrau erteilt, ist es für Sie unangebracht, ein derartiges Urteil abzugeben. Es wäre nicht klug, aufgrund eines solchen Urteiles nach einer zweiten Ehefrau Ausschau zu halten. Versuchen Sie Ihre Defizite auszugleichen, indem Sie sich selber weiterentwickeln. Durch eine zweite Ehe können Sie nicht beweisen, dass Ihre erste Frau Ihnen nicht gerecht wird, weil sie sich im Laufe der Zeit – verglichen zu früher – durch Strapazen (körperlich) verändert hat.
  7. Trotz all dem brauchen Sie nicht die Erlaubnis Ihrer Ehefrau, um eine zweite Ehe einzugehen. Wieso sollten Sie eine Erlaubnis für nötig ansehen, wenn Ihr Gewissen Sie in Ruhe lässt? Sie sind sich garantiert selbst nicht sicher, ob Sie dies tun möchten! Seien Sie standhaft und fürchten Sie Allah.
    Versuchen Sie ja nicht, die Gefahr in eine Sünde (harâm) zu fallen, als Druckmittel auszunutzen. Es spricht nichts dagegen, sich offener und klarer auszudrücken.
    Fürchten Sie Allah. Schätzen Sie den Wert Ihres Ehebundes (nikâh).
    Seien Sie kein Werkzeug in den Händen schaytân. Schlagen Sie keine Wege ein, die auch der schaytân beschreiten kann.

 

Nureddin YILDIZ

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