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Osmanisches Reich

Ist das Osmanische Reich nicht kritisierbar?

Frage:
Ich bin einer Ihrer Schüler aus Deutschland und höre mir Ihre Vorträge sehr gerne an. In einem Ihrer Vorträge kritisierten Sie bei Sultan Abdulhamîd Hân, dass er mit seiner Tochter gerne Piano spielte und sagten über Mehmed II. (Fâtih Sultan Mehmed), dass er ein Anführer war, aber kein Gelehrter (‘Âlim). Einige Freunde können Ihre Aussagen nicht akzeptieren und fassen diese als eine Beleidigung auf. Ich weiß jedoch, dass Sie insbesondere gerne über Selim I. (Yavuz Sultan Selim), Mehmed II. und Abdulhamîd II. reden und selber sagen, dass Sie nicht genug über sie reden können und tiefe Anerkennung, Sympathie und Liebe für sie empfinden. Wie kann ich das den anderen verständlich rüberbringen?

Antwort:
Ich danke dir für dein Interesse.
Bei einigen Menschen können wir nichts dagegen unternehmen, wenn Sie etwas nicht annehmen möchten. Im Endeffekt unterliegen wir alle der Dienerschaft Allahs. Die einen begehen Fehler, die anderen gleichen diesen Fehler aus. Das Leben nimmt auf diese Weise seinen Gang. Sollten wir als Gläubige (Mu’minûn) bei der Beurteilung von Situationen und Menschen denn keine Maßstäbe besitzen? Wenn die Paläste der Umayyaden sich einer Kritik unterziehen müssen, müssen wir bei den Osmanen alles legitimieren? Wenn wir uns auf die Weise benehmen, dass wir unsere eigenen Fehler als harmlose ansehen, möchte ich nicht einmal daran denken, wohin dieses Verständnis führen kann. Ich wünschte Sie hätten mir sagen können, „Was Sie sagten stimmt gar nicht und so etwas fiel nie vor“, damit ich meine Falschaussage hätte zurücknehmen können. Ich kann nicht ein Verständnis akzeptieren, welches indirekt sagt: „Es gibt Fehler, aber es sind unsere Fehler bzw. diese Fehler sind streng genommen keine Fehler, denn wir haben sie begangen.“ Wenn unsere osmanischen Vorfahren vollkommen waren, warum hat Allah – der Erhabene – sie der Vergangenheit angehören lassen? Warum haben diese Katastrophen uns nun ereilt? Wenn Kritik nicht zugelassen wird, steckt nicht das Verständnis dahinter, dass selbst die eigenen Fehler als „gesegnet“ betrachtet werden?
Ich möchte Ihre Frage als erneute Gelegenheit nutzen, um meine Gedanken bezüglich unseren osmanischen Vorfahren zu erläutern:

  1. Wenn ich über die Osmanen oder über andere Generationen spreche, so tätige ich diese Worte, wohl wissend und daran glaubend, dass ich eines Tages vor meinem Herren (Rabb) dafür Rechenschaft ablegen muss. Dies berücksichtige ich – so Allah will – bei meiner Wortwahl. Auf die gleiche Weise, wie ich es abstoßend finde, vergangene Generationen zu vergöttern bzw. einen Kult über sie zu betreiben, so empfinde ich es auf die gleiche Weise abstoßend, ihnen Unrecht zuzufügen. So frage ich mich zumindest, warum ich ohne jeglichen Nutzen anderen Unrecht zufügen soll und sei es nur mit Worten, die am Tag der Abrechnung eine Rechenschaft erfordern würden.
  2. Meine Gedanken über unsere osmanische Vorfahren habe ich in meinem Vortrag, „Osman I. – Der Mann, der seit sechs Jahrhundert am Leben ist.“, verkündet. Link: (sosyaldoku.tv/24-alti-asir-yasayan-adam-osman-bey)
    Ich kann seine guten Taten nicht als schlecht und seine Missetaten als gut darstellen. Wir dürfen weder undankbar sein noch blinden Gehorsam leisten. Mehmed II., der die Stadt Istanbul für die muslimischen Weltgemeinschaft (Ummah) gewinnen konnte, nicht zu lieben, ist einem gesunden Verstand nicht zuzumuten. Ihn auf die Stufe eines Propheten zu erheben, ist aber ebenfalls ein gewaltiger gedanklicher Fehltritt. Möge Allah sich Sultan Mehmed II. erbarmen. Er hat etwas Großes erreicht, indem er uns und der Ummah einen großen Stolz hinterließ. Er hat der muslimischen Weltgemeinschaft (Ummah) einen großen Dienst erwiesen. Diese Tatsache erfordert nicht, dass er ein Gelehrter der Qur’ân-Exegese (Tafsîr) oder ein Rechtsgelehrter (Faqîh) sein muss. Seine ihm auferlegte Aufgabe, hat er auf seinem Gebiet sehr gut gemeistert und seine Aufgabe erfüllt. Dies war auch die Erwartung an ihn. Dass er Istanbul eroberte, erforderte von ihm nicht, dass er gleichzeitig der anerkannte Schaykh eines jeden Tarîqah-Ordens in Istanbul hätte sein müssen. Wir müssen jede Person auf ausgewogene Weise bewerten und dabei nicht in Übertreibung abschweifen.
  3. Der Prophet – Segen und Frieden auf Ihm – ist die einzige Person dieser Gemeinschaft (Ummah), die tadellos ist. Außer ihm ist niemand fehlerfrei. Wir leben als Menschen mit Fehlern unsere Religion (Dîn) aus. Wir suchen Zuflucht bei der Vergebung Allahs und stützen an Ihn unsere Hoffnung, die Paradiesgeräten zu erlangen. Die einzige Generation, bei der es brenzlig sein kann, persönliche Kritik auszuüben, sind die Prophetengefährten. Möge Allah mit ihnen zufrieden sein. Sie erreichten ihren Herren mit ihren Fehlern und ihren Vorzügen. Sie zu lieben und nicht zu kritisieren, ist eine Voraussetzung für unsere Religiosität. Wir betrachten sie als Vorreiter, die unseren Weg erhellen.
  4. Neben den Gefährten, wissen wir auch jene zu schätzen, die eine Vorreiterposition in der muslimischen Gemeinschaft (Ummah) einnahmen. Wir würdigen ihre Leistungen und zollen ihnen Respekt und wenn sie im geschichtlichen Kontext Fehler begingen, so gibt es nichts daran auszusetzen, diese Fehler zu erwähnen. Diese Fehler sehen wir sogar als einen wertvollen Erfahrungsschatz und versuchen Lehren daraus zu ziehen, um sie nicht erneut zu begehen.
  5. Wir sehen Sultan Abulhamîd II. – möge Allah sich seiner erbarmen – als einen Leader zu Zeiten, in der die muslimische Gemeinschaft eine ihrer schwierigsten Phasen durchlebte. Mit seinen Qualitäten als Führungsperson und seinem Dasein als Muslim wurde er zum Vorbild. Auf keinen Fall ist er, wie ein Prophet tadellos bzw. fehlerfrei. So wie wir stolz darauf sind, seine ehrenhafte Identität zu erwähnen, so sehen wir es auch nicht als eine Missetat an, seine Fehler zu erwähnen, wenn wir auf sie stoßen sollten. Es besteht ein Unterschied zwischen dem Erwähnen eines Fehlers und der „Vertilgung“ eines ganzen Lebens aufgrund eines Fehlers. Wenn die Dynastie der Osmanen fehlerfrei war, aus welchem Grund glitt uns dann die islamische Regierungsform aus den Händen?Welche Ähnlichkeit hatten am Ende die osmanischen Paläste mit dem Haus von ‘Umar Ibn Al-Khattâb? Beispielsweise blieben die Familienportraits von Sultan Abdulhamîd II. bis heute erhalten. Was ist daran falsch zu sagen, dass die Führungsperson der Ummah Muhammdas – Segen und Frieden auf Ihm – nicht hätte ein Portrait von sich zeichnen lassen sollen? Wäre es denn richtig, dies einfach zu ignorieren? Sein geheimes Privatleben ausgenommen, aber der Teil seines Lebens, welches er vor der Öffentlichkeit nicht verborgen hielt, kann doch gegeben falls auch kritisiert werden, oder etwa nicht? Eine Führungsperson, der in seinem Anwesen vor allem einen Hang zur westlichen Musik hatte und seine Kinder diesbezüglich einer musikalischen Lehre unterwiesen ließ, kann und darf von uns kritisiert werden. Für seine gottesdienstlichen Bemühungen (Dschihâd) jedoch, sprechen wir in unseren Bittgebeten (Du’â) unsere Dankbarkeit aus und zollen ihm Respekt und Anerkennung. Er war ein Diener Allahs und wir sind es auch, und mehr nicht

 

Nureddin YILDIZ

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