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Jura im Islam

Ist es erlaubt, als Richter, Staatsanwalt oder Anwalt zu arbeiten?

Frage:
Ich befinde mich im letzten Jahr meines Jurastudiums. Wenn Allah es mir erlaubt, werde ich dieses Jahr fertig.
Wie bekannt, leben wir in einem laizistischen (säkularisierten) Land. Viele Gesetze wurden aus anderen Ländern übernommen. Trotz einiger Gesetze, die der islamischen Ordnung (Scharî’a) ähnlich sind, gibt es vom Grunde her wesentliche Unterschiede. Um dies mit anderen Worten zu verdeutlichen, die Wirtschaft ist auf ein Zinssystem aufgebaut, das Strafrecht ist ebenfalls anders. Kann ich als Anwalt meinen Beruf ausüben?
Zweitens: Kann ich in diesem System als Richter Urteile fällen oder sollte man sich von dieser Position fernhalten, da der Richter eine stellvertretende Rolle des Staates übernimmt? Wie sieht es aus, wenn diese Berufe ausgeübt werden und man sich gleichzeitig von Dingen fernhält, die mit der islamischen Ordnung (Scharî’a) unvereinbar sind, wie z. B. Zinsen (Ribâ)? Würde trotzdem eine Schuld auf uns lasten?

Antwort:
Mein ehrenwerter Bruder,
Sie erwähnen eine Wahrheit, an der es für einen Muslim, nicht möglich ist zu zweifeln. Wir leben in einem Land, dessen Gesetze nicht islamisch sind. Um noch weiter zu gehen, können wir sagen, dass wir in einem Land leben, dessen Rechtssystem die Existenz des Islam als nichtig erklärt und sich selbst an dessen Stelle setzt.
Diese Situation ist so offenkundig, dass es nicht nötig wäre, darüber zu diskutieren. Das Thema sollte jedoch sein, was hier getan werden kann. Seit Jahren diskutieren Muslime über dieses Thema auf direkte oder indirekte Weise. Wie Ihnen auch bekannt sein sollte, gab es viele, die es auf die leichte Schulter nahmen und uneingeschränkt diskutiert haben und viele, die beleidigt waren und sich distanziert haben. Der Punkt, an dem wir uns nun befinden, ist offenkundig. Für einen Muslim, der nur an sich denkt, also die Gebete (Salâh) verrichtet und sich damit begnügt, nur zu Hause zu sitzen, existiert kein Risiko. Wenn er/sie vor allem auf freiwilliger Basis (nâfila) viel fastet und an besonderen islamischen Nächten Mawlid-Veranstaltungen besucht, so hat sich die Sache für ihn/sie scheinbar erledigt. Wie kann jedoch eine solche Einstellung das Bewusstsein darstellen, eine Gemeinschaft (Ummah) zu bilden? Wird uns hier nicht der Unterschied zwischen einer Person deutlich, der ja förmlich die Priesterschaft auslebt und einer Person, der sich in der Mitte der Gemeinschaft (Dschamâ’a) befindet?

Um dieses Thema besser zu verstehen, können wir uns folgende Punkte näherbringen:

Wie viel Unterschied kann ein Vorbeter (Imâm) in der Moschee zu einem Anwalt überhaupt aufweisen? Auf welche Weise kann ein Vorbeter (Imâm), der keinerlei persönliche Besorgtheit in sich trägt, besser sein als ein Anwalt? Wenn wir dies von Weitem beobachten, stellt dies die aktuelle Situation dar. Betrachten wir jedoch das Thema aus der Sicht der islamischen Gemeinschaft (Ummah), welche Prüfungen und Entbehrungen durchlebte, müssen wir uns dies aus einer breiteren Perspektive anschauen.
Ein andere Perspektive ist das Maß der Verbundenheit. In Bereichen, wie dem Rechtssystem und ähnlichen Bereichen, gibt es oft die Sorge „unislamisch“. Wieso wird diese Sorge nicht auf den Bereich der Wirtschaft übertragen, die nicht nur „unislamisch“ ist, sondern dem Islam sogar den Krieg erklärt hat? Oder stellt etwa das Vermehren des Besitzes durch Zinsen (Ribâ) eine kleine Sünde dar? Muss jede Schuld auf die Schuld des Rechtssystems übertragen werden? Können wir zwischen Dingen unterscheiden, die uns in den Kram passen oder nicht? Oder werden wir wieder sagen: „Wir befinden uns in einer Notsituation (Darûra). Für uns gibt es Ausnahmen.“
Bei Taten im Namen der Gemeinschaft (Ummah), kann nicht nach derartigen Kriterien entschieden werden. Wenn es ein Thema ist, welches alle Muslime betrifft, dann müssen bei Entscheidungen, die im Namen der muslimischen Gemeinschaft (Ummah) getroffen werden, die Instanzen der Gelehrten (‘Ulamâ‘) und Denker ins Spiel kommen. Wenn eine Entscheidung getroffen wird, muss an die Vergangenheit, an die Gegenwart und an die Zukunft gedacht werden und dementsprechend die Entscheidung gefällt werden.
Zweifellos repräsentiert Jura einen Wald voller stacheliger Pflanzen. Es ist fast unmöglich darin umherzulaufen, ohne dass das Hemd an den Stacheln hängen bleibt. Diejenigen aber, die aufgrund ihrer Besorgtheit, sich bereit erklären einen bestimmten Weg einzuschlagen, müssen dazu bereit sein, notfalls ihr Hemd zu opfern. Wem wurde es denn zuteil, nicht damit einverstanden zu sein, sein Hemd zu verlieren, aber gleichzeitig diesen Weg einzuschlagen?
Die Begriffe Religion (Dîn) und Zugeständnisse dürfen wir unter keinen Umständen vereinen. Die Religion (Dîn) ist kein Wert, mit dem Zugeständnisse gemacht werden können. Deshalb sind Juden, zu dem geworden was sie sind. Wir werden – so Allah will – das Verständnis besitzen, unsere Religion (Dîn) zu bewahren. Unsere Religion (Dîn) jedoch, hat sowohl Gebote, die eine gewisse Flexibilität nicht erlauben, als auch Gebote, in denen es möglich ist, sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es gibt einen Abschnitt, welche gewisse Handlungsweisen, in Situationen der Unvermeidlichkeit (Darûra), erlaubt. Jene, wie Sie, sollten folgende Taktiken und Verhaltensweisen an den Tag legen:

a- Zunächst müssen Sie Kenntnis über die Herkunft und die Grundlagen des Islam besitzen. Anstatt um den Begriff „Islam“ herumzulaufen, sollten Sie Kenntnisse über dessen inneres System besitzen.

b- Es kann nicht erwartet werden, dass vereinzelte Entscheidungen zu Gutem (Khair) führen. Wenn unser Ziel der Islam ist, so zeigt uns der Islam die Beratung (Istischâra) untereinander, als einen Standard unter Gläubigen (Mu’minûn) auf. Lassen Sie uns dem Folge leisten.

c- Es wäre auch nicht richtig, dass diese Angelegenheit oder ähnliche unsere komplette Zeit in Anspruch nehmen und die Familie oder die täglichen Gottesdienste (‘Ibadât) vernachlässigt werden. Wir müssen in allem das Gleichgewicht finden. Über- und Untertreibungen sind Fehler.

d- Wir müssen uns unbedingt in einer Gemeinschaft (Dschamâ’a) befinden und gemeinsam agieren. Diese Gemeinschaft (Dschamâ’a) sollte den Islam nicht nach eigenen Ermessen auslegen, keine Schwierigkeiten haben die eigenen Grenzen zu überwinden und den Charakter besitzen, mit einem großen Herzen alle Gläubigen (Mu’minûn) zu umfassen. Bei einer Gemeinschaft (Dschamâ’a), welche die islamische Gemeinschaft (Ummah) mit all ihren Farben, Problemen, Unterschieden begreift und eine gleichgewichtige Stellung zwischen der Zukunft und der Gegenwart einnimmt, sehen wir es als ein Muss, sich einer solchen Gemeinschaft (Dschamâ’a) anzuschließen. Einen bestimmten Bereich des Islam, als den Bereich anzusehen, für den es sich zu arbeiten lohnt und dabei den Rest zu ignorieren, ist ein Verständnis, von welchem wir fernbleiben müssen.

e- Wir sind eine Gemeinschaft (Ummah) der Hoffnung. Dass jene, die in Nomadenzelten leben mit dem Qur’ân erleuchtet werden; der Unglaube (Kufr) keinen endgültigen Sieg erringen wird; wie auch immer es um die Situation bestehen mag, Allahs Hilfe uns ereilen wird; die weltlichen Güter nichts im Vergleich zu den Errungenschaften im Jenseits sind; ist unsere innere Überzeugung (Imân), daran glauben wir. Dieser Glaube (Imân) ist unsere Energiequelle und unsere Leidenschaft bei den Tätigkeiten. Es kann sein, dass wir leiden oder kurz vor dem Untergang sind, aber sogar während wir in das Feuer geschmissen werden, sagen wir: „Mein Herr genügt mir!“ Es mag sein, dass das islamische System und das Kalifat (Khilâfah) aufgehoben ist. Wir glauben daran, dass dies eines Tages noch stärker und noch eindrucksvoller wiederkehren wird und unser Glaube daran, ist stärker als das Vertrauen, dass morgens die Sonne aufgehen wird.

Bleiben Sie erhobenen Hauptes, knicken Sie nicht ein, denken Sie nicht klein und distanzieren Sie sich von jenen, die kleine und chaotische Gedankengänge haben.
Seien Sie Allah anvertraut.

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