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Die eingesperrte Frau

Frage:
Ich bin verheiratet und möchte nicht, dass meine Frau das Haus verlässt. Ich möchte noch nicht einmal, dass sie alleine vor die Haustür geht. Unsere Kinder sind klein und es wird ihnen und meiner Frau langweilig, wenn sie den ganzen Tag zu Hause bleiben. Den zum  Supermarkt erlaube ich ihr auch nicht. Ich möchte, dass sie mit keinem Mann redet. Ich habe mir zwar Verse aus dem Qur’ân und einige Überlieferungen (ahâdîth) durchgelesen, habe aber nicht verstehen können, was das Richtige ist. Ich befürchte sie zu tyrannisieren. Ich wäre erfreut, wenn Sie mir helfen könnten.

Antwort:
Was Sie machen ist eine Übertreibung. Sperren Sie sich einmal zu Hause ein. Wie lange würden Sie es aushalten können? Sie als Mensch sind nicht in der Lage so etwas auszuhalten, wieso sind Sie dann eifersüchtig auf Ihre Frau, die auch nur ein Mensch ist? In der Ehe extreme Auffassungen zu haben, wird durch Unruhe und Unbehagen auf Sie zurückfallen. Wenn Sie in die Extreme gehen, wird Ihre Ehe darunter leiden. Sie müssen ausgeglichener weden. Verwechseln Sie den Islam nicht mit Ihren eigenen Vorstellungen und hüten Sie sich davor, Ihre eigenen Neigungen und Interessen, als Teil der Religion darzustellen.

Es kann nicht befürwortet werden, dass eine muslimische Frau in Einkaufszentren sinnlos auf und ab läuft; in der Öffentlichkeit inmitten fremder Männer unnötigen Aufenthalt genießt, ohne auch nur ein Funken Unwohlsein zu empfinden; auf dem Balkon sitzend, mit der Frau vom Balkon gegenüber lauthals Klatsch und Tratsch betreibt; ihre Nachbarin besuchen geht, nur um mit ihrem neugekauften Kleid anzugeben; oder mit ihren Freundinnen unmoralische Seifenopern anschaut und ihre wertvolle Zeit damit vergeudet etc. Von einem Mann, der dies zulässt, denken wir nicht positiv. Es bedeutet aber nicht, dass es für sie verboten ist, das Haus zu verlassen, die Vorhänge jemals zu öffnen und wenn doch, sich dem Fenster zu nähern – natürlich nicht um sich zu präsentieren – oder mit der eigenen Mutter, mit Freunden zu telefonieren, bzw. die Verwandtschaftsbande zu pflegen. Das Wesentliche ist es, zwischen zwei Extremen die Mitte zu finden.

Unabhängig ob Mann oder Frau, sind die weltlichen Gaben (ni‘ma) für die Diener Allahs bestimmt. Frauen haben genauso wie Männer das Bedürfnis, während einem Spaziergang frische Luft zu schnappen. Es lässt sich sogar sagen, dass Frauen dies mehr benötigen als Männer. Wer verdient es denn auf dieser Welt mehr als eine Frau, eine Pause zu bekommen, die zwischen zwei Wänden bis in den Abend damit beschäftigt ist, sich um die Angelegenheiten der Kinder zu bemühen? Man sollte sich bei Taten vor Allah fürchten und gerecht handeln. Hat ihre Wohnung einen Garten, in der Ihre Frau frische Luft schnappen und sich entspannen kann? Haben Sie Vorbereitungen getroffen, die zur Entspannung und Müdigkeitsüberwindung Ihrer Frau beitragen? Dies sind Dinge, die zu den Verantwortungen des Mannes gehören. Wir sollten unser Zuhause behaglich und komfortabel gestalten.

Ohne in die Verschwendung (’isrâf) und blinde Nachahmung abzuschweifen, sollte eine Wohnung mit technischen Geräten ausgestattet sein.
Alles Nötige darf erworben werden. Wir können nicht ungerecht handeln, indem wir unsere Frauen und Kinder zu Hause sich selbst überlassen und selber draußen unsere Ruhe suchen. Im Bereich der Pflege der Verwandschaftsbande (silat ar-rahim) müssen wir unseren Pflichten nachgehen. Falls die Eltern und Geschwister Ihrer Frau in derselben Stadt wohnen, sollte sie sich beispielsweise alle zwei Monate mit ihnen treffen. Dieses Treffen kann erfolgen, indem man einer Einladung nachgeht oder selber die Familie und Verwandten einlädt. Wohnen die Familienmitglieder Ihrer Frau weiter weg, kann der Besuch jährlich stattfinden.

Aus gesundheitlichen Gründen wird empfohlen, täglich eine Stunde lang in einer angemessenen Umgebung zu spazieren. Falls dies in Ihrem Wohnbezirk nicht möglich ist, wechseln Sie diesen. Wir müssen ausreichende Konditionen schaffen, in der ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen ihr und ihren Freundinnen und Bekanntschaften möglich ist. Sie müssen spezielle gemeinsame Stunden einplanen, in der Ihre Frau ihre Sorgen teilen kann. Dazu hat Sie aus islamisch belegter Sicht ein Recht. Der Bund der Ehe (nikâh) dient nicht nur dazu, Ihre eigene Befriedigung zu erlangen. Deshalb müssen Sie Allah fürchten und Ihrer Frau ihre Rechte gewähren. Sie müssen zu gemeinsamen Aktivitäten aufbrechen. Während wir all diesem nachgehen, gilt es nicht zu vergessen, dass sie eine Frau und somit die Ehre und Würde der Umma ist.

Folgendes sollte niemand vergessen: Der Gesandte Allahs – Friede und Segen seien mit ihm – spricht uns in seiner Abschlusspredigt an: „Sie sind euch im Namen Allahs anvertraut worden.” Wir müssen auf zwei Wörter achten. Durch diese Wortwahl, möchte man als muslimischer Mann vor der Ehe schon fast zurückschrecken. Achten Sie auf diese zwei Aussagen: „Im Namen Allahs”, und „anvertraut”. Ist denn ein weiterer Grund notwendig, um sich zu fürchten und sich dementsprechend vorsichtig zu verhalten? Wir müssen unsere Gedanken sortieren. Warum müssen Frauen unter dem Schutz von Gesetzen stehen und können zum Feminismus tendieren? Haben wir sie nicht von Allah anvertraut bekommen? Es muss jeder zu sich kommen. Nur Männlichkeit, die auf muslimischem Niveau ist, hat einen Wert. Etwas anvertraut zu bekommen, heißt keineswegs dies in ein Depot abzulagern, zu entführen, zu verstecken, zu unterdrücken, zu kränken, zu befehlen, zu zerbrechen, auszunutzen und auf der Bettkante liegend, zu verlassen. Solange das Anvertraute nicht gleichermaßen geschätzt wird wie vom Anvertrauenden, können wir uns vor der Rechenschaft nicht entziehen.

Und während der mu’min all jenem nachgeht, muss er sich bewusst sein, dass dies seine Pflicht ist, egal ob die Frau es verdienen mag oder nicht. Vielleicht verdient die Frau das genaue Gegenteil, aber ein mu’min muss einen Umgang pflegen, bei dem der Anvertrauende nicht in Vergessenheit gerät. Der Akt der Eheschließung nikâh begann mit: „Im Namen Allahs …”, und wir antworteten mit: „Ja”. Können wir jetzt nach Lust und Laune handeln? Wo bleibt unser ’îmân? Wo bleibt unsere Furcht vor dem Jenseits?

Lasst uns für vergangenes tauba begehen,

uns mit unserem Ego auseinandersetzen.

Anmaßend auftreten und andere nicht zu unanmaßenden Dingen verleiten.

Standhaftigkeit und Geduld aufbringen; gegenüber unseren Frauen, damit Sie unsere Gattinen im Paradies werden. Diejenigen, die keine Standhaftigkeit und Geduld an den Tag legen und diese Prüfung nicht meistern, können sowohl die Gattin im Diesseits als auch die Gattinnen (Paradiesfrauen – hûr al-‘ayn) im Jenseits verlieren. Die Reife eines Mannes muss eine gewisse Ruhe und Geduld auf die Frau ausstrahlen und Sie somit zum Guten wenden. Wofür eigentlich die lange Rede? Das Beispiel unseres Propheten – Friede und Segen seien mit ihm – ist doch vor uns. Ähneln Ihre Taten dem seinen – Friede und Segen seien mit ihm –, der seine Frau sogar mit zum Feldzug nahm, vor den Augen seiner Gefährten mit ihr um die Wette rannte, mit ihr Späße machte und spazieren ging?

Außerdem wären Sie sonst ein schlechtes Vorbild für Ihre Kinder, was in der Zukunft auf Sie zurückfallen kann. Seien Sie Allah anvertraut. Mögen Sie ein zu Hause haben, in der der Qur’ân rezitiert, dhikr gemacht wird und Zufriedenheit herrscht. Mögen Sie, Ihre Frau und Ihre Kinder zu den besagten Paradiesbewohnern gehören, die sicht dort in Wonne zurücklehnen dürfen.

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Nureddin YILDIZ

 

Bild: günther gumhold_pixelio.de