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Die eigentliche Gefahr kommt aus unseren eigenen Reihen!

Frage:
In der Sure an-Nûr im 61. Vers steht geschrieben: ”… Es ist für euch keine Sünde, gemeinsam oder getrennt zu essen.“ In den ganzen Qur’ân-Auslegungen (tafsîr) wird erläutert, dass mit „gemeinsam“ die Gemeinsamkeit mit anderen kranken, hinkenden oder sonstigen Personen mit Behinderungen gemeint ist. Dieser Meinung ist auch Imam Dr. Ihsan Senocak. Die Auslegungen (tafsîr) von al-Kurtubî und Sayyid Qutb, die ich im Internet einsah, bestätigen diese Erläuterung. Heutige theologische Wissenschaftler besitzen das Vertrauen der Menschen und deren Zuneigung. Aufgrund akademischer Laufbahnen, treten sie in den Vordergrund. In TV-Sendungen nehmen sie ihren Platz im Namen der Wissenschaft ein. Auch ich habe ihnen mein Vertrauen geschenkt. Diese Personen nehmen diesen Vers als Beweis für die Erlaubnis, dass Männer und Frauen in einem gemischten Umfeld gemeinsam speisen dürfen. Möglicherweise gehen jene sogar weiter und leiten von diesem Vers weitere Dinge ab, um unabhängig vom Essen, die Geschlechtermischung in anderen Situationen zu rechtfertigen. Wie lässt es sich erklären, dass sie dies mit einer solchen Selbstsicherheit und ohne einen Funken Zweifel zu haben, behaupten können? Ich denke nicht, dass sie die dîn sabotieren möchten. Ist dies das Ergebnis einer theologischen Laufbahn, wobei sie von ihren Lehrern beeinflusst wurden, den Islam reformieren zu wollenund sie gemäß der gegenwärtigen Zeit auszulegen? Welche Beweise wiederum werden dafür herangezogen, und auf welchen islamrechtlichen Maßstäben stützen sie sich?

Antwort:
Mein verehrter Bruder,

In dieser Fragestellung erwarten viele, dass wir eigentlich einen Qur’ân-Vers (âya) analysieren müssten. Ich jedoch sage, dass die Widerlegung von unpassenden Auslegungen zu keiner Lösung führen wird. Wir haben ein viel größeres Problem, als Problemstellungen wie, die Person Soundso hat jenes behauptet oder den und den Fehler begangen. Dies möchte ich Ihnen in erster Linie mitgeben.
Hier existiert ein Irrtum. Wenn dieser Irrtum korrigiert wird, wird sich das Problem von selbst lösen.
Der Irrtum ist folgender:

Wir erwarten die Angriffe auf unsere Religion, den Islam, von Israel oder sonstigen „Supermächten”. Wir halten Ausschau nach Kreuzrittern oder, dass ein Gebiet von Franzosen kolonialisiert wird. Unsere Vorkehrungen richten sich gegen sie. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto tiefer setzt sich dieser Irrtum fest. Wir bekommen Befürchtung, dass der Feind kommen könnte, um uns den Islam wegzunehmen.

Nein!
Sie konnten unsere Ordnung in Uhud nicht zerstören und sie werden es auch woanders nicht schaffen. Die äußeren Feinde können dem Islam nur mehr Energie verleihen. Was können die Feinde gegen ein Volk ausrichten, die für ihre verstorbenen Märtyrer (schuhadâ’) keine Trauertränen vergießt, sondern sich für sie freut?

Der Punkt, an dem wir aufwachen müssen, sind die Pläne der Feinde, die uns von innen zerfressen. Sie wissen, dass es nichts bringt, das Lesen des Qur’ân zu verbieten, den Gebetsruf (adhân) zum Schweigen zu bringen oder das arabische Alphabet abzuschaffen. Sie haben Personen unter uns verbreitet, die den Qur’ân nach ihren eigenen Köpfen auslegen. Dies ist die Katastrophe, die uns ereilte. Dies ist die Falle, die wir nicht erkennen. Jene, die die Absolvierung der theologischen Fakultät als genügend ansehen, um die Stufe eines Gelehrten (‘âlim) zu erreichen, wurden Opfer ihrer guten Absichten. Anstatt sich nur über die schwerwiegenden Ereignisse der Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen, ist es notwendig geworden, sich den Kopf über Ereignisse zu zerbrechen, die uns in Zukunft treffen könnten. Aus diesem Grund müssen wir Arbeiten/Projekte tätigen und hervorbringen, welche die nahe Zukunft betreffen und berücksichtigen.

Zusammenfassend sollten wir, als mu’minûn auf folgende Fallen vorbereitet sein:

  1. Wir beobachten, dass der Versuch unternommen wird, unseren Propheten – Friede und Segen seien mit ihm – unwirksam machen zu wollen. Vielleicht können sie dies nicht so offenkundig sagen, aber ihr Weg führt dort hin. Die Behauptungen über die Überlieferungen (ahâdîth), die Sicht auf die Hadîth-Gelehrten (muhaddithûn) als wären sie irgendwelche Popstars …, all dies sind Mittel, um dieses Ergebnis zu verwirklichen.
  2. Die großen Persönlichkeiten dieser Umma, vorne mit dabei die großen Rechtsgelehrten (mudschtahidûn) und die Gelehrten der Hadîth-Wissenschaften (muhaddithûn), werden einer nach dem anderen heruntergestuft. Jugendliche, die vielleicht in einem Monat nicht mehr als zwei Mal zum Morgengebet aufgestanden sind, sehen keine Bedenken darin, eine Elite wie Abû Hanîfa zu degradieren. Dieses schamlose Verhalten sehen zum Teil Personen, die wir als religiös einschätzten, als völlig normal an. Selbst wenn diese Art der Bedrohung fast bis zu den unbestreitbaren Vorreitern der muslimischen Gemeinschaft, den Prophetengefährten (sahâba) vorgedrungen ist, nehmen viele diese Gefahr immer noch nicht wahr.
  3. Wir sind eine Umma. Die Umma steht über Zeit und Ort. Eine Zeitspanne bis zum Tage des Gerichts (yaum al-qiyâma) und ein Ort, der die gesamte Schöpfung einschließt, sind unser Bezug. Den Gruppierungen – die ein Jahrzehnt lang etwas von sich gaben – Sekten, Mitgliedern und Vereinen werden leider oftmals ein höherer Wert beigemessen, als unserer Umma. Dieser Vorwurf trifft auf keine Akzeptanz, aber jene, die keinen Mucks von sich geben, während die wichtigsten Werte dieser Umma ins Wanken gebracht werden, sind in der Lage gegen kleinste Vorwürfe ihrer Cliquen gegenüber, die gesamten Heiligtümer als ein Mittel zur Verteidigung heranzuziehen. Vereine, Gruppierungen und Zeitschriftenverlage wachsen stetig weiter, doch es schmerzt zu sehen, dass meine strauchelnde Umma in der Einsamkeit zurückgelassen wird. Diese bedrückende Situation kommt nicht so einfach an die Tagesordnung. Zum Tod einer Person wird diese oder jene Trauerzeremonie veranstaltet, doch für die sich immer stärker auflösende Umma werden keine zwei Tränen vergossen.
    Bei denjenigen, die diese Aussage als übertrieben ansehen, bin ich neugierig, wie sie auf die Fragen, wer der Kalif dieser Umma ist, oder ob es einen Kalifen gibt bzw. geben sollte, antworten würden.
    Im Endeffekt bricht die Umma auseinander. Auf der einen Seite, indem sie sich in Ethnien aufteilt, auf der anderen Seite, indem sie sich in Gruppierungen aufteilt. Da sie ökonomisch ausgelaugt und kraftlos ist, repräsentiert sie die Geographien der zerrütteten Länder und Menschen. Wer weiß schon, seit wann die Religion von der Politik ausgeschlossen wurde?
    Jene, die die Religion bekriegen und in diesem Krieg als Mittel dienen, heben zum einen die tiefgründigen Werte auf, welche diese Umma zu einer gesegneten Umma machen und zum anderen die Verschiedenheit und Besonderheit gegenüber anderen Nationen, eines nach dem anderen auf. Selbstverständlich gehört die Religion Allah. Sie werden dafür bei Allah Rechenschaft ablegen, aber die Gläubigen hätten Wächter ihrer Religion sein müssen.
  4. Während unsere Welt, unser Grund und Boden, unsere angeblichen Länder, unsere Erziehung, unsere Kinder und Familien, und insbesondere die Grundpfeiler des Glaubens (’îmân) unter Angriff stehen, sind andere in der Lage, im Namen des Islam Menschen um sich zu versammeln und ihr ganzes Leben Thematiken zu widmen und diese an die Tagesordnung bringen, die zu Zeiten des Propheten – Friede und Segen seien mit ihm – und seiner Gefährten (sahâba) in keiner Weise Gegenstand der Diskussion, geschweige denn an der Tagesordnung waren. Dies geschieht unter dem Vorwand, dem Islam einen Dienst erweisen zu wollen. Weil sie den Islam als Mittel zur Verwirrung benutzen und seinen Wert in den Augen anderer degradieren, besetzen sie oftmals hohe Ämter und Positionen

Mein verehrter Bruder,
ich habe ein bis zwei Schwerpunktthemen erwähnt. Selbstverständlich stellt all dies nicht die Gesamtheit der Probleme und deren Lösung dar. Unser Kummer ist groß und weit verbreitet. Ich habe Ihnen den Inhalt eines Qur’ân-Verses auf breiter Ebene darstellen wollen. Ich wollte ausdrücken, dass umfassendere Gedankengänge hilfreich für die Suche nach stabileren Lösungsansätzen sein können. Möge Allah, der Erhabene, uns behilflich sein. Lasst uns füreinander du‘â’ sprechen, uns gegenseitig die Standhaftigkeit (sabr) ans Herz legen und bereit sein nicht aufzugeben, selbst wenn keiner mehr außer uns da sein sollte. Seien Sie Allah anvertraut.

Nureddin YILDIZ